
Anfang und Ende des alten Wingeshäuser Pfarrhauses
(1705/1914)
Johannes Burkardt
Vor einigen Jahren wies Eberhard Bauer nach, daß das alte, nur noch von Photographien bekannte Pfarrhaus Wingeshausens von dem in der Region bekannten Zimmermeister Mannus Riedesel errichtet worden war.*1 Heinz Rüdiger Goedecke wies ergänzend auf eine im Original verlorene Inschrift im Fachwerk des Hauses hin, die Riedesel als verantwortlichen Zimmermeister nannte.*2
Wir wollen im folgenden zwei weitere Kapitel aufschlagen. Erstens finden sich in den alten Kirchenrechnungen Wingeshausens detaillierte Hinweise auf die Errichtung des Pfarrhauses im Jahr 1705. Zum zweiten erlauben Akten des Regierungspräsidiums Arnsberg detaillierte Aufschlüsse über das unverdiente Ende des Hauses in den Jahren 1907 bis 1914.
1. Der Bau des Pfarrhauses im Spiegel der Wingeshäuser Kirchenrechnungen.
Die von den Kirchmeistern Jeremias Schreckengast und Hans Georg Wetter aufgestellten Wingeshäuser Kirchenrechnungen für 1705 enthalten auf den Seiten 9-19 die „Baurechnung des neuen Pfarrhauses". *3 Auf den Seiten 9-11 sind die extra für den Bau eingenommenen Gelder aufgelistet. Sie beliefen sich zusammen mit den Überschüssen der normalen Jahresrechnung des Kirchspiels auf 722 Gulden und 4 Pfennige. Uns interessieren hier die Ausgaben. Sie sind ab Seite 12 verzeichnet und vermitteln eine Vorstellung von dem Aufwand, der für den Bau getrieben wurde. Um nur einiges hervorzuheben: Material wurde von außerhalb besorgt. Genannt werden die Ortschaften Rinthe und Rüppershausen als Holzlieferanten. Handwerker aus der weiteren Umgebung, aus Berleburg, Schmallenberg und Biedenkopf wurden zu den Arbeiten herangezogen. Auch die Negativseiten des Bauvorhabens sprechen aus der Rechnung: als 1708 die Baurechnung von Oberamtmann Gerhard Düsing*4 und Inspektor Ludwig Christof Schefer*5 geprüft wurde, ergab sich ein veritables Defizit von mehr als 213 Gulden!
Bemerkenswert ist die Rechnung in zwei weiteren Punkten. Zum einen erlaubt sie den Schluß, daß sich das auf dem Fachwerk vermerkte Datum „1706, den 6. März" auf die Fertigstellung und nicht auf das Richtfest des Hauses bezieht.*6 Dieses muß bereits 1705 stattgefunden haben. Zum anderen müssen wir neidvoll gestehen, daß hier Unterlagen vorliegen, die für den nur wenige Monate früher von Riedesel durchgeführten Bau der Sassenhäuser Kapelle nicht mehr beizubringen sind.*7 Immerhin kann uns die Wingeshäuser Rechnung eine Ahnung von den Mühen vermitteln, welche auch die Sassenhäuser auf sich genommen haben.
Die Ausgabenliste soll hier im Wortlaut folgen. Sie enthält viele Details, die in einem kleinen Beitrag wie diesem nicht im Einzelnen kommentiert werden können. Zum Beipiel findet sicher mancher Wingeshäuser unter den genannten Namen auch einen seiner Vorfahren.
Zu beachten ist, daß die Rechnungen schwer unter Wassereinwirkung gelitten haben und an einigen Stellen zerstört sind. Diese Stellen werden mit eckigen Klammern […] gekennzeichnet.

[12] Vor Kalck gegeben
Meister Mannus Reidesel vor seinen
Zimmerlohn
Georg Linde Zimmerlohn
Michel Müsse Zimmerlohn
Johannes Koch Zimmerlohn
Johann Henrich Wiedersprecher Zimmerlohn
Jacob Koch Zimmerlohn
Hans Georg Wetter Zimmerlohn
Joh. Rötger Fischer arbeitslohn
(13) Johann Henrich Kümmel Zimmerlohn
Item vor allerhand eisenarbeit ihme zahlt
Johann Rötger Knebel Zimmerlohn
Johannes Frieße Zimmerlohn
Johannes Reidesell Zimmerlohn
Velten Linde Zimmerlohn
Herman Fischer Zimmerlohn
Rötger Koch Zimmerlohn
Michel Fehling arbeits lohn
David Spieß Zimmerlohn
(14) Vor bier gegeben, als das Bauholiz
herbey gefahren
An Bier verthan, als das hauß gehoben"
An Bier mit den schreinern,
maurern etc. vor und nach
aufgangen
An dünn Bier
Johan Diederich Büchel vor
schreiner arbeit gegeben
Dem schreiner Conrad Kersting vor
das haus auszumachten'' gegeben
Vor scheiben gegeben Herman Fischer
Der frau Dehnin vor treih(?) scheiben
Gilbert Radenbach vor scheiben
Noch vor scheiben Joh. Georg Fischer
/15/ Als der wercksatz gemacht
an bier aufgangen
Als das Bau holtz angewiesen mit den
Zimmerleuten an statt des lohns
in bey seyn des Herr oberförsters
verthan bey Joh. Henrich Fischer
Demselben vor 11 stück dielen
Vor 14 stück Dielen Johannes Henck
von Rinden zahlt
Vor 7 riegeln und 7 dielen Johannes
Köbel zu Ruppershausen zahlt
Vor 34 stück bretter Johann
Peter Wunderlich zahlt
Vor 42 stück bretter Georg Müsse zahlt
R(äder)g(u)l(den).
[16] Vor bretter Joh. Peter Wunderlich
30 stück
Und Johannes Gelb vor 32 stück
Vor 23 stück bretter Johann Georg
Dreißbach zahlt
Diese vorgesetzten bretter zu hohlen
Vor bretter Jeremias Schreckengast, 28 stück
Hans Georg Wetter vor bretter
Johann Henrich Kümmel vor bretter
Georg Fischer vor 4 bretter
Michel Fehling vor dielen
dem schreiner Conrad Kersting vor bretter
(17) Georg Boshoff und Johann Ludwig
Möller vor zu decken gegeben
Adolff Hillesheim vor eine leiter zahlt
Vor farbe und leinöhl
Noch vor farbe
Den schreinern vor ihre arbeit
Vor leim und andere sachen
Noch vor leim
Dem leyendecker'') vor seiler, so er
gelehnet hat
Vor fett auf lichter
Vor eisen
Vor leim und andere sachen
Vor leim
Noch vor leim
[18) Vor latt-, deck-, und beschießnägel
Dem Herrn Oberförster beweißgeld 2)
Den maurern
Vor haaren in Kalck
Noch vor haaren
Dem schloßer von Berlenburg
Dem schlößer zu Schmallenberg
vor schlößer, fensterbeschläge,
wineisen und allerhand arbeit
Vor 2 schlößer, und ein
paar thürengehänck, einem schlößer
von Bidenkopff zahlt
Dem gläßner
Vor 6 spießholtz
Vor einen neuen offen und
eine eiserne Blatten gegeben
[19] Vor 111 stück bretter, um den
balcken zu beschiesen zahlt
Vor nägel
Den schreinern gegeben
An bier bey der arbeit verthan
Summa aller ausgaben ist 935 rgl. 18 Alb Id.

Außgabe mit der einnahme conferiret bleiben Rechnern zu gute 213 rgl. 17 Alb. 4 d. Calculirt und abgehort zu Wingeshausen den 25sten April 1708.
G. Düsing'*13 L.C. Schefer:'*14


Diese 1894 von Albert Ludorff gemachte Aufnahme zeigt das für Mannus Riedesel Typische Schnitzwerk an der Fassade des ehemaligen Wingeshäuser Pfarrhauses. (Westf. Amt für Denkmalpflege, Münster) Man erkennt auf dem Foto Übereinstimmungen mit der Kapelle in Sassenhausen und dem Stoltz'schen Haus in Laasphe (Königstr. 49, datiert mit dem 11. November 1705!). Z.B. ist die Fußstrebe im 1. Obergeschoß wie in Sassenhausen und Laasphe ausgebildet und verziert. Die Schnitzerein auf dem Eckständer (Maske mit Federn und Weintrauben) ist auch am Stoltz’schen Haus zu sehen.

Stoltz'schen Haus in Laasphe
Einen Eindruck von Baufälligkeit vermittelt dieses 1913, wenige Monate vor dem Abbruch entstandene Foto nicht. (Westf. Amt für Denkmalpflege, Münster)
2. Das Ende des Pfarrhauses.
200 Jahre nach der Erbauung des Hauses plante das Wingeshäuser Presbyterium, das alte Pfarrhaus gegen ein neues auszutauschen. Dahinter stand wahrscheinlich der Wunsch, die seit 1904 vakante Pfarrstelle attraktiver und eventuellen Bewerbern „schmackhafter" zu machen. Eine Akte des Regierungspräsidiums Arnsberg, heute aufbewahrt im Staatsarchiv Münster, dokumentiert die einzelnen Schritte, die zur Erfüllung dieses folgenreichen Wunsches führten.*15
Im Juni 1906 findet sich erstmals ein Schreiben des zuständigen Amtmanns an den Berleburger Landrat, worin vage von den Neubauprojekten der Wingeshäuser die Rede ist. Am 28. Januar 1907 stellte das Presbyterium der Kirchengemeinde Wingeshausen offiziell den Antrag auf Bewilligung eines allerhöchsten Gnadengeschenkes für den Bau eines Pfarrhauses mit angeschlossenem Konfirmandensaal. Zugleich wurde um die Erlaubnis zum Abbruch des alten Pfarrhauses nachgesucht. Wenn man sich die in den kommenden Jahren geführte Korrespondenz durchsieht, gewinnt man den Eindruck, der Wunsch der Wingeshäuser nach Abbruch und Neubau sei stärker gewesen als die tatsächliche Notwendigkeit dazu. Auch die Behörden scheinen diesen Eindruck nie ganz verloren zu haben. Das zeigt bereits ein Gutachten, welches Bauinspektor Kruse aus Siegen am 14. Februar 1907 an die Regierung in Arnsberg sandte:
Bei den häufigen Besuchen des Pfarrhauses während der beiden letzten Jahre ist mir die Baufälligkeit des Gebäudes nicht aufgefallen. Das alte Pfarrhaus hat besonderen Denkmalwert, da es zu den schönsten Fachwerkhäusern des Kreises Wittgenstein aus dem
18. Jahrhundert zählt und aus diesem Grunde im Denkmalarchiv aufgenommen und abgebildet ist.' Der von der kirchlichen Vertretung gewünschte Abbruch des Gebäudes kann daher zunächst nicht gutgeheißen werden. Es dürfte sich empfehlen, zunächst einen Kostenanschlag über die Instandsetzung des Pfarrhauses anzufertigen.
Wenig später schaltete sich Provinzialkonservator Albert Ludorff, damals wie heute durch seine 1903 publizierten „Bau und Kunstdenkmäler des Kreises Wittgenstein" bekannt,*17 ein. Ein Abbruch des Hauses war seiner Meinung nach nur dann zu rechtfertigen, wenn der ruinöse Zustand des Fachwerks durch technische Untersuchungen belegt sei. Darüber hinaus stellte er eine Forderung, die sich die Behörden in Arnsberg sofort zu eigen machten:
Sollte sich (...) beim Abbruch ergeben, daß ein Theil der geschnitzten Pfosten etc. noch erhalten werden kann, so ist deren Verwendung - ohne jede Ueberarbeitung - an einer bevorzugten Stelle des Neubaues in Aussicht zu nehmen. Ein exaktes technisches Gutachten, wie von Ludorff eingefordert, ist nie abgegeben worden.
In Wittgenstein bestand man, unterstützt von Landrat und Provinzialkonsistorium, auf dem Neubauvorhaben. Am 22. September 1907 beschloß die größere Gemeindevertretung der Kirchengemeinde Wingeshausen, den Neubau nach einem vom Kreisbauinspektor in Siegen im Juli 1907 aufgestellten Plan durchzuführen. Der Abbruchswert des alten Hauses, veranschlagt auf etwa 1000 Mark, sollte zur Finanzierung zugeschossen werden. Doch so ohne weiteres wollte die Bezirksregierung nicht in einen Abriß einwilligen. Im September 1909 erfolgte eine Baubegehung durch Kreisbauinspektor Kruse. Im Protokoll wurde schwammig vermerkt, das Fachwerk sei morsch und wurmstichig. Inzwischen interessierte sich auch das Berliner Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten, das in etwa die Befugnisse des heutigen Kultusministeriums hatte, für den Fall. Akten und Pläne über die Wingeshäuser Angelegenheit mußten vorgelegt werden. Sie riefen prompte Mißbilligung hervor. Am 6. Dezember 1909 rügte das Ministerium, daß der geplante Neubau für die Verhältnisse der Wingeshäuser viel zu groß sei. Die Regierung sollte „zunächst einen entsprechend eingeschränkten Entwurf aufstellen lassen und nebst einem Gutachten des Provinzialkonservators über den Denkmalwert des alten Hauses und die Verwendungsmöglichkeit einzelner Teile desselben vorlegen". Schon im Januar 1910 wurden neue Pläne eingereicht. Im selben Monat legte Bauinspektor Kruse ein präziseres Gutachten über das alte Pfarrhaus vor. Darin heißt es, „daß der bauliche Bestand des alten Pfarrhauses in letzter Zeit durch Vergrößerung der Risse, Ausweichen der Wände, Faulen der Schwellen und Wandpfosten sowie durch Wurmfraß” verschlechtert sei. Mit Verwunderung findet der Leser desselben Briefes ganz am Rande vermerkt, das Haus sei bereits für einen Preis von 5000 Mark verkauft worden! Die Tatsache, daß die Veräußerung den Behörden nicht gemeldet worden war, erstaunt ebenso wie Höhe des Erlöses. Hatte die Gemeinde doch zwei Jahre zuvor den Wert nur mit 1000 Mark beziffert. Und inzwischen sollte sich der Zustand des Gebäudes doch so stark verschlimmert haben. Im März 1910 reichte Provinzialkonservator Albert Ludorff sein Gutachten ein:
„Ein Theil des alten Pfarrhauses der evangelischen Kirchengemeinde zu Wingeshausen hat Denkmalwerth. Das interessante Flachschnitzwerk einer Giebelseite, namentlich auf den Eckpfosten, ist in der Gegend von Berleburg auf Privatgebäuden noch vereinzelt anzutreffen. Seine Erhaltung am Pfarrhause in Wingeshausen ist daher geboten, und würde die Gewährung einer staatlichen Beihülfe zu diesem Zwecke zu befürworten sein. Der im Denkmäler-Inventar des Kreises Wingenstein Seite 66 befindlichen Abbildung liegt die beigefügte Aufnahme zu Grunde.*18
Da das Gebäude ohne Genehmigung und ohne Mitwirkung der Denkmalpflege bereits veräußert ist, wird der Verkauf rückgängig zu machen, oder wenigstens der mit Schnitzwerk versehene Theil der Giebelseite von einem Abbruchsverkauf auszuschließen sein. Im ersteren Falle würde das Haus nach erfolgter Instandsetzung erhalten werden können. Im zweiten Falle könnte der Giebel am neuen Pfarrhause passende Verwendung finden als Dachaufbau an der Westseite (...). " Es wäre interessant zu erfahren, was in den folgenden Wochen in den Wingeshäuser Gremien beraten wurde, denn ein Schreiben der Regierung an das Konsistorium vom 11. Juli 1910 enthält die interessante Bemerkung, daß man nun eine neue Variante des Bauvorhabens anstrebte, nämlich neben dem Pfarrhausbau „die Einrichtung des alten Pfarrhauses in seinem unteren Teile als Unterrichts- und Versammlungsraum". Sollte die Baufälligkeit des Hauses doch nicht irreversibel gewesen sein? Immerhin konnte die Regierung dem Ministerium in Berlin am 27. Juli 1910 melden, daß der Verkauf des Pfarrhauses inzwischen rückgängig gemacht worden sei. Auch in diesem Schreiben wurde berichtet, daß das alte Gebäude „für Zweck des Konfirmandenunterrichts und zu Vereinszwecken demnächst umgebaut werden" solle. In Berlin war man nicht so oberflächlich, die Unstimmigkeiten im bisherigen Prozedere zu übersehen oder gar durchgehen zu lassen. Am 27. August schrieb das Ministerium der Regierung:
„Es fällt auf, daß das alte Pfarrhaus, das (...) so schadhaft sein sollte, daß ein Umbau nicht mehr angebracht wäre, für den Konfirmandenunterricht und für Vereinszwecke hergerichtet werden soll. Allerdings sollen dadurch erhebliche Unkosten entstehen, doch fragt es sich, ob diese sich nicht erheblich niedriger stellen als der geplante Neubau, und ob bei ihrer Aufwendung das Haus nicht auch als Pfarrhaus noch für eine längere Zeit benutzbar sein würde, so daß ein Neubau z.Z. überhaupt nicht nötig wäre."
Nun mußte man sich in Wingeshausen, wollte man nicht unglaubwürdig erscheinen, endgültig entscheiden. Dies geschah am 2. Oktober 1910, als das Presbyterium den Neubau von Pfarrhaus und Konfirmandensaal beschloß. Am 25. Oktober erfolgte eine nochmalige Baubegehung duch Baurat Kruse, Pfarrer Wiewinder und ein Mitglied des Presbyteriums. Das alte Pfarrhaus wird - wen wundert es noch - als irreparabel bezeichnet. Immerhin werden im Protokoll die Vorstellungen des Provinzialkonservators berücksichtigt:
„Die im Interesse der Denkmalspflege zu konservierenden geschnitzten Holzteile des nördlichen Giebels des alten Pfarrhauses könnten in der Weise erhalten werden, daß sie im Dachgeschoß des neuen Pfarrhauses zur inneren Auskleidung des Treppenraumes verwendet würden."
Im Januar 1911 versuchte Pfarrer Wiewinder die Angelegenheit nochmals zu beschleunigen. In einem Brief an den Regierungspräsidenten lieferte er eine lebhafte Schilderung der Verhältnisse. Darin heißt es,
„daß die in den letzten Monaten an den Zimmerdecken, Fußböden und Fenstern von neuem vorgenommenen, notdürftigen Reparaturen stets unnütze Kosten verursachen. Es liegt das hauptsächlich daran, daß das 204 Jahre alte Haus keine Unterkellerung hat, und das auf platter Erde stehende Gebäude mit dem morsch und schlecht gewordenen Gebälk und den Dünnen, mit Binsen durchflochtenen Lehmwänden für den ebenfalls baufällig gewordenen Oberbau zu schwach geworden ist. Die bedenklichen Deckenrisse, Wandausweichungen. Pilzbildungen u.a. namentlich in den unteren Räumen und Gängen zeigen nur zu deutlich den eingetretenen Verfall des alten Hauses an (…)".
Am 4. April teilte das Ministerium der geistlichen usw. Angelegenheiten dem Regierungspräsidium mit, daß man mit dem Vorhaben der Wingeshäuser einverstanden sei. Es wurden sogar 8800 Mark an Zuschüssen aus einem „allerhöchsten Dispositionsfonds" zugesichert, allerdings unter der Bedingung, daß die „denkmalwerten" Teile des Fachwerks nicht verkauft werden durften. Sie sollten dem Museum in Siegen überlassen werden. Einen Einbau dieser Teile in das neue Haus hielt man nicht für sinnvoll, „weil es, für ein mehrstöckiges Gebäude gefertigt, sich nur gewaltsam in ein einstöckiges einfügen ließe, auch eine Verwendung des schweren, für Außenarchitektur entworfenen Holzwerks im Innern des Neubaues den Innenräumen jegliche Behaglichkeit nehmen würde"
Damit schien das Schicksal des Riedeselbaus besiegelt. Schnell wurde das neue Pfarrhaus in seiner Nachbarschaft hochgezogen. Es wurde am 17. Dezember 1912 der Kirchengemeinde übergeben. Im Übergabeprotokoll wird erwähnt, daß der neue Konfirmandensaal an der Stelle des alten Pfarrhauses nach dessen Abbruch gebaut werden sollte. Im Frühjahr 1913 wurde der Neubau bezogen. Das alte Haus blieb zunächst stehen. Denn nun wurde umständlich über den Bau des Konfirmandensaals verhandelt. Provinzialkonservator Ludorff machte den Vorschlag, Teile des Riedeselschen Fachwerks hierhinein zu übernehmen. Er bot sogar an, die Pläne für den Neubau zu zeichnen. Eine allerletzte Chance zur Rettung des Fachwerkhauses tat sich im Januar 1914 auf. Denn nun mußte die Gemeinde eingestehen, mit Abbruch und Neubau des Konfirmandensaals nicht beginnen zu können, da die Gelder zur Deckung der Kosten nicht mehr vorhanden seien. Daraufhin fragte die Regierung nochmals an, ob man nicht doch zum Erhalt des alten Pfarrhauses bereit sei. Eventuell lasse es sich ja doch zu einer gemeinschaftlichen Nutzung wiederherstellen. Mit der Antwort ließ man sich Zeit. Erst am 9. März übermittelte Pfarrer Wiewinder der Regierung den Presbyteriumsbeschluß vom Vortag, wonach „Verkauf und Abbruch des alten Pfarrhauses wegen Baufälligkeit und drohenden Einsturzes an der Ostseite" zu beschleunigen seien. Was Wiewinder und das Presbyterium verschweigen: man hatte längst ohne Zustimmung der zuständigen Stellen vollendete Tatsachen geschaffen und das alte Pfarrhaus am 17. Februar verkauft!!9) Das endgültige Aus für das leerstehende alte Pfarrhaus kam am 11. März 1914 in Gestalt eines Vermerks in den Akten der Regierung Arnsberg: „Von einer Erhaltung des alten Pfarrhauses (...) wird Abstand genommen." Nur vierzehn Tage später meldete Pfarrer Wiewinder, das Pfarrhaus sei verkauft. Das Datum nennt er wohlweislich nicht. Meistbietender sei Johann Georg Fischer aus Aue gewesen. Der Erlös habe, ausschließlich der von Fischer zu tragenden Abbruchkosten, 630 Mark betragen. Damit begann ein neues Kapitel des Dramas: was sollte nun aus den von Fischer zurückgelassenen Fachwerkschnitzereien werden? Am 23. Oktober vermerkte das Regierungspräsidium in den Akten, die Zierhölzer seien im Kellergeschoß des neuen Pfarrhauses eingelagert, und das Presbyterium der Kirchengemeinde stehe in Kontakt mit Dr. Scheppig, Direktor des Siegerlandmuseums, um die Übergabe zu regeln. Auch im Krieg verlor Arnsberg nicht das Interesse an Riedesels Kunstwerken. Im November 1915 fragte man beim Hochbauamt Siegen an, was mit den Zierhölzern passiert sei. Noch im selben Monat wurde geantwortet, die Hölzer befänden sich noch in Wingeshausen: „Die Leitung des Museums im oberen Schloß zu Siegen beabsichtigt nach hier zu überführen und dem Museum einzuverleiben. Die Überführung der Hölzer hat sich durch den Ausbruch des Krieges und durch den Mangel an geeigneten Hilfskräften verzögert". Sie solle aber bald erfolgen. Im Oktober 1916 kam aus Siegen die folgende Meldung: „Die Zierhölzer des abgebrochenen, alten Pfarrhauses in Wingeshausen sind nunmehr im Museum des Siegerlandes in Siegen als Leihgabe der Pfarrgemeinde angenommen und untergebracht worden. "
So ganz glatt scheint aber nicht alles gelaufen zu sein. Dies zeigt ein Aktenvermerk vom 16. Mai 1918: „Die Hölzer - zwei Balkenleisten und zwei gebogene Hölzer, deren Bestimmung nicht ganz klar ist, sind sachgemäß untergebacht. Der größte Teil scheint vor der Überführung vernichtet worden zu sein." Was geschehen ist, ob das im Keller gelagerte Holz kurzerhand zum Heizen benutzt wurde, können wir nur vermuten. Angesichts der Tatsache, daß es einen kargen Kriegswinter zu überbrücken galt, könnte man den Bewohnern des Pfarrhauses nicht einmal einen Vorwurf daraus machen. Zuende ist die Geschichte bis heute nicht. Eine Anfrage beim Museum Oberes Schloß in Siegen ergab, daß die Hölzer aus verschiedenen Gründen nicht auffindbar sind. 20) Es besteht aber durchaus die Möglichkeit, daß sie sich im Fundus des Museums erhalten haben. Rückblickend bleiben Fragen offen. Vor allem die Frage, ob der Verlust eines der wertvollsten Fachwerkhäuser in Wittgenstein nicht vermeidbar gewesen wäre, wenn der Wille dazu vorhanden gewesen wäre. Wir können auf einen anderen Riedeselbau verweisen, der gerettet wurde: die Sassenhäuser Kapelle, die fast genauso alt ist wie das Pfarrhaus in Wingeshausen. Schilderungen vom Beginn des 20. Jahrhunderts zeigen, daß sie mindestens so baufällig gewesen sein muß, wie der Bau in Wingeshausen, und doch wurde sie 1905 aus Anlaß ihres 200. Geburtstages wiederhergestellt. Immerhin bleibt uns die vage Hoffnung, daß eines Tages die nach Siegen ausgelagerten, 1706 von Mannus Riedesel geschnitzten Zierhölzer wieder zutage kommen...
Anmerkungen: 1) Eberhard BAUER, Das ehemalige Pfarrhaus in Wingeshausen - ein Riedesel-Bau? In: Wittgenstein. Blätter des Wittgensteiner Heimatvereins 80 (1992), H.3, S. 112-116.
2) Heinz Rüdiger GOEDECKE, Die evangelische Kirchengemeinde Wingeshausen. In: Aue-Wingeshausen. Ein Heimatbuch der beiden Ortschaften, hrsg.v. Albert HOF, Bad Berleburg 1995. Hier S. 3 1.
3) Archiv des Kirchenkreises Wittgenstein, KG Berleburg 6,57. Es handelt sich hier offenbar um die Zweitschrift der Kirchenrechnung, die für das Konsistorium bestimmt war und nach dessen Auflösung im 19.Jh. der Kirchengemeinde Berleburg ausgehändigt wurde.
4) Zu Düsing (er lebte It. Berleburger Kirchenbüchern 1675-1712) vgl. Die Berleburger Chroniken (...), hrsg.v. Wilhelm HARTNACK unter Mitarb.v. Eberhard BAUER u. Werner WIED (Wittgenstein. Blätter des Wittgensteiner Heimatvereins. Beiheft 2), Laasphe 1964, S. 137.
5) Zu Schefer vgl. UIf LÜCKEL, Ein fast vergessener großer Berleburger: Inspektor und Pfarrer Ludwig Christof Schefer ( 1669-1731) (...), in: Wittgenstein. Blätter des Wittgensteiner Heimatvereins88 (2000), H. 4, S. 137159.
6) Letzteres vermutete GOEDECKE (wie Anm. 2).
7) Hierzu vgl. Johannes BURKARDT, Die Kapelle in Sassenhausen (...), in: Sassenhausen, hrsg.v. Bernd Geier. Bad Laasphe 2001, S. 16-50. Dort auch Verweise auf die ältere Literatur über Mannus Riedesel.
8) denarii - Pfennige.
9) gehoben = aufgerichtet.
10) Gemeint ist vermutlich der Innenausbau: Verlegen von Böden und Einziehen von Wänden.
11) leyendecker: Schieferdecker.
12) beweißgeld: eine Gebühr, die dem Förster für die Zuweisung von Bauholz entrichtet werden mußte.
13) Vgl.o. Anm. 4.
14) Vgl.o. Anm. 5.
15) Staatsarchiv Münster. Regierung Amsberg II G 789. Alle im folgenden nicht besonders gekennzeichneten Zitate wurden dieser Akte entnommen.
16) Die Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen. Kreis Wittgenstein. Im Auftrag des Provinzial-Verbandes der Provinz Westfalen bearbeitet von A. LUDORFE, mit einer geschichtlichen Einleitung von Dr. HEINZERLING. Münster 1903. Hier S. 66.
17) Vgl. die vorige Anmerkung.
18) Gemeint sind die „Bau und Kunstdenkmäler". Vgl. Anm. 14.
19) So GOEDEKE (wie Anm. 2), S. 32.
20) Laut freundlicher Mitteilung von Museumsdirektorin Frau Dr. Blanchebarbe vom 02.07.2001 sind die mei- sten Unterlagen des Siegerlandmuseums im Krieg zerstört worden. Darüberhinaus konnte ein Teil der eingela- gerten Fachwerkbalken bis heute nicht aufgearbeitet werden.
Foundation Musick's Monument